"Die Erinnerung ist der Duft der Seele"
- Lord John Russel -
Während ich in meiner Küche stehe und mit Töpfen, Geschirr und Kochlöffel hantiere, fällt mein Blick oft gedankenversunken auf die Straße vor meinem Fenster. Die Küchenarbeit für einen Zweipersonenhaushalt ist nun einmal nicht besonders anspruchsvoll und geht ganz nebenbei und unkompliziert von der Hand.
In meiner unmittelbaren Nachbarschaft steht ein Beet mit struppigen Sträuchern deren Namen ich nicht kenne, drumherum wächst niedriges Gestrüpp. Mittendrin steht ein Fliederbaum, Luftlinie von meinem Fenster geschätzte zehn Meter.
Einige Häuser weiter befindet sich ein größeres Seniorenzentrum, deren Bewohner sich oft in unserer Straße die Füße vertreten. In der Regel laufen sie alleine. Sonntags allerdings, wenn die Familie zu Besuch kommt, kann man kleinere Gruppen auf ihrem Spaziergang vom Seniorenheim beobachten.
Neulich, als der Fliederbaum noch so schön blühte, fiel mein Blick, während ich einen Stapel Teller aus dem Schrank holte, wieder aus dem Fenster. In der Küche duftete es nach einem Strauß frisch gepflückten Wiesenblumen, nach warmen Brötchen aus dem Backofen und leckerem Kaffee. Zufällig beobachtete ich, wie draußen ein Mann seiner Mutter, die mit einer fest um die Knie gestopfte Decke in einem Rollstuhl saß, einen Stängel vom Fliederbaum brach und ihn auf ihre im Schoß gefalteten Hände legte. Die Frau wirkte abwesend, die Schultern waren eingesunken, ihr Blick fest nach unten gerichtet. Diese Geste an sich fand ich schon sehr anrührend, ich konnte nicht wegschauen bevor ich nicht wusste, wie diese Geschichte zu Ende ging.
Plötzlich nahm die Mutter das Zweiglein wahr, nahm es in ihre zittrigen, faltigen Hände, hielt es sich unter ihre Nase und roch andächtig daran. In diesem Augenblick huschte ein beinahe kindliches Lächeln über ihr Gesicht. Sie wirkte beinahe erheitert und glücklich und ganz unglaublich jung. Die Zeit um sie herum schien stehengeblieben zu sein, sie war einige Sekunden lang mit ihren Gedanken weit weg und alleine mit sich. Jede Spur ihrer Müdigkeit war von der einen auf die andere Sekunde wie weggewischt. Erst nach einer kurzen Weile suchte sie den Blick ihres Sohnes.
Was mag sie in diesem Moment gedacht haben, was geht ihr durch den Kopf habe ich mich gefragt. Weckte der Duft des Flieders Erinnerungen an ihre eigene Kindheit, als sie selbst durch eine von Blumenfeldern und blühenden Hecken durchzogene Landschaft lief? Erzählte er ihr von Spielen und Wettrennen unten blühenden Maibäumen?
Oder schenkte ihr dieser magische Duftmoment vielleicht ein Wiedersehen ihrer geliebter Seelen, die längst aus ihrem Leben gegangen sind? Dachte sie an Familiengeschichten, an ihren Sohn, der als er selbst noch klein war, ihr am Muttertag einen Arm voller Fliederzweige aus dem Garten überreichte? Erinnerte sie sich an die Stunden auf der maroden Holzbank, auf der sie einst mit ihrem Liebsten saß? Im Schatten eines Maiflieders, die Luft erfüllt vom intensiven, berauschenden Duft?
Dachte sie an all die Orte, an denen sie so glücklich gewesen war?
Diese kleine, große Szene, die ich durch puren Zufall von meinem Küchenlogenplatz aus beobachtete, überwältigte mich jedenfalls auf der Stelle und ließ mich an diesem Tag nicht mehr los.
Nun bin ich bei weitem keine Gedankenexpertin aber ich bin mir sicher, dass Düfte sowie Blumen die Möglichkeit besitzen, Gefühle ohne Worte auzudrücken. Düfte sensibilisieren, faszinieren, graben sich tief in uns ein und bilden unsere Gemütsbewegungen ab. Sie erzählen Geschichten aus unserer Vergangenheit und beschwören Gefühle herauf, die wir damals, so wie das Mütterchen aus unserer Geschichte, hatten.
Ein tiefer Atemzug an einer gepflückten Blume, an frisch gebackenem Brot, an Vanillepudding oder frisch gebügelter Wäsche kann schon genügen, um unser Erinnerungsvermögen zu aktivieren. Es reagiert augenblicklich und gibt uns ein Stück Vergangenheit zurück. Und was ist schon dabei, sich hin und wieder in schönen Zeiten zu verlieren.
Mit dieser kleinen Duftgeschichte und dem schönsten Maiblumen-Potpourri wünsche ich euch nun das allerschönste Restwochenende. Geniesst dieses herrliche Frühsommerwetter und steckt eure Nasen in den fantastischen Blütenzauber. Opulenz und Fülle scheinen in einem einzigen Duft vereint.
xox, Meisje
Meine Lieben. Einige Leserinnen haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie hier keine Kommentare mehr hinterlassen können. Jemand einen Tipp, wie ich zurück zur alten Kommentareinstellung finde? Ich habe sämtliche Einstellungen überarbeitet, leider ohne Erfolg. Gab es eine Änderung von Blogger, die ich verpasst habe?
So lieben Dank für eure Hilfe ;-*























