Alltagsgedanken | wenn nichts mehr bleibt

22 August

 #Alltagsgedanken
 
Ich würde gerne über etwas leichtes schreiben. Nicht aus meinem Kopf, sondern frei aus meinem Bauch heraus. Weil genau dort Worte, Gedanken und kleine Geschichten schlummern, die so gerne hinaus in die in die Welt gelassen werden möchten. Sie könnten dir vielleicht ein bisschen sonnenwarmes Glück auf deinen Weg streuen, wie der Wind die feinen Sandkörner am Meer. Ich möchte liebend gerne Sorglosigkeit säen, Sommer atmen und Wassereis essen, im Spiegelbild meiner Weinschorle Ruhe und nicht das Laute der Welt sehen. Ich möchte über bunte Sommerpostkarten berichten, die mich aus dem Süden oder aus den Bergen erreichen und auf deren Rückseite Leichtigkeit aus den Wörtern herausfällt. Sowas wie Glück. 
Aber es fühlt sich gerade so danach an, als wäre die Leichtigkeit einen halben Meter hoch rundherum zugemauert aus den drei Steinen Fassungslosigkeit, Fragen und Wut. Und ich glaube, damit bin ich nicht allein.
 
 
 

 
 
Ich finde in diesen Tagen einfach keinen Platz für schöne Bilder, für einen Post über ein schönes Rezept oder eine Buchvorstellung, womöglich noch mit Happy End. Nein, es will nicht passen, es will mir gerade einfach nicht so wirklich gelingen, einen locker, flockigen Text zu schreiben, weil es sich nicht richtig anfühlt. Weil es gerade nicht passt. 
Ich will und kann hier keinen super schlauen, keinen super recherchierten oder ellenlangen Text schreiben. Das kann ich nicht. Das bin ich auch gar nicht. Vielmehr möchte ich versuchen, meine Gedanken und meine Gefühle, die mich beschäftigen, in Worte zu fassen.
 
Nichts und Niemand setzt mich unter Druck, diese aufzuschreiben oder mich zu aktuellen Themen zu äußern. Nein, es erwartet niemand von mir, mich zu aktuellen Themen zu äußern. Niemand zwingt mich dazu. Aber ich bin seelisch gesehen nicht die stabilste Person auf diesem Planeten, vergieße hier und da schon einmal eine Träne und ich denke, dass die Bilder mit dem aktuellen Weltgeschehen an keinem spurlos vorbeigehen. Es passiert so viel schlimmes, schwieriges und unvorstellbares, das man eigentlich nur noch den Atem anhalten kann. 

 
Die Bilder aus dem Ahrtal bewegen mich tief. Wolken hängen wie Leichentücher am Himmel über diesem Tal. Keiner war auf das Ausmaß dieser Katastrophennacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten Juli vorbereitet gewesen.
Es steht außer Frage wie schrecklich dieses Ereignis ist und führt uns doch allen wieder vor Augen wie gut es uns geht, und wie schnell uns jedoch alles wieder genommen werden kann. Nicht jeder konnte vor Ort sein um den Menschen im Ahrtal zu helfen. Aber in all dieser Not war es ein Segen zu erleben, wie viele Menschen ihre Hilfsbereitschaft und Solidarität still und leise ausübten, die auf ihre Art und Weise ihre Ärmel hochgekrempelt und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten geholfen haben, ohne es der Welt laut mitzuteilen. Die Feuerwehren hier am Rhein haben zu Sachspenden wie Lebensmittel, Hygieneartikel, Windeln, Spielsachen, Decken und Kleidung aufgerufen. Bereits wenige Stunden später waren die Hallen mit Hilfsgütern so prall gefüllt, dass die Wehren nichts mehr annehmen konnten. Bauern und Handwerksunternehmer sind mit schwerem Gerät und privater Ausrüstung an die Ahr gefahren. An verschiedenen Orten wurden spontan Helfer Shuttles eingerichtet, wildfremde Menschen haben sich Schaufeln geschnappt und mit angepackt, die Keller und Häuser vom Schlamm zu befreien. Kindergärten und Firmen haben aufgerufen um zu sammeln und Autohäuser haben den Betroffenen auf unbefristete Zeit Fahrzeuge zur Verfügung gestellt. Es gab zig Möglichkeiten zu helfen, und in der ganzen großen Not war das eine Erfahrung, die ich nicht in Worte zu fassen weiß. 
    
  


 
 
Nachdem ich gestern über eine Umleitung durch Sinzig gefahren bin, war mir das Geschehene plötzlich ganz nah. Ich wurde still und wieder einmal richtig bewusst, wie klein wir eigentlich sind. Wie viel mehr da ist und dass manches vielleicht gar nicht so wichtig ist wie es in diesem Moment gerade scheint. Es steht außer Frage, dass die Bilder, die uns aus den Dörfern des Ahrtals erreichen, zum Fürchten, Weglaufen und Weinen sind. Aber gleichzeitig sind diese Bilder genau das Gegenteil. Sie können auch Trost sein. 
 
Vor wenigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit einer Betroffenen, die keinem der Verantwortlichen die Schuld an dem Unglück gegeben hat. "Das Geschehene ist nicht mehr zu ändern, wir müssen weitermachen, anpacken und nach vorne schauen. Wem hilft es, einen Schuldigen zu finden?" 
Starke Worte. In ihnen weder Bitternis noch Wut. Man sollte wissen, dass ihr neunzigjähriger Vater in der Flutnacht alles verloren hat. 
Alles. 
BIS AUF SEIN LEBEN!


Noch ganz andere Bilder erreichen uns in diesen Tagen. Auch wenn wir bzw. die meisten von uns in einer sicheren, privilegierten Blase sitzen, und wir die Tragik nur erahnen können weil unsere  Vorstellungskraft das vermutlich gar nicht erlaubt, so dürfen wir nicht wegsehen. Es gibt, außer Naturkatastrophen, nichts schlimmeres als Menschen, die anderen vorschreiben wollten, wie sie zu leben haben. Die ihnen ihre Rechte vorenthalten, die ihnen absurde Regeln, überflüssige Not und Schmerzen zufügen. Frei zu sein in seinen Entscheidungen, welcher Glaubensgemeinschaft man angehören möchte, wie und mit wem man leben möchte und auf welche Art ist ein großes Privileg. Die aktuellen Bilder die durch die Medien gehen von Menschen, die dieses Glück nicht haben, machen mich einfach nur noch sprach-und fassungslos.

Ich würde gerne über etwas leichtes schreiben. Nicht aus meinem Kopf, sondern frei aus meinem Bauch heraus.


P.S. Heute schreibe ich meinen vierhundertsten Post. Es wird der erste ohne Kommentarfunktion sein. Weil ich es einfach nur so stehen lassen möchte. Still und lautlos.

                                                              xox, dein Meisje


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