Sehr geehrter Herr Winter,
nun kennen wir uns schon etwas mehr als ein halbes
Jahrhundert, mein ganzes Leben lang. Du bist das Viertel eines Ganzen. Vier Himmelsrichtungen, vier Elemente, vier Jahreszeiten. Ohne dich wäre kein Jahr komplett. Du gehörst dazu. Du bist mein Vertrauter und kein Unbekannter. Und genau aus dem Grund glaube
ich, dass wir beide über alles ganz offen miteinander reden können. Ich darf doch DU zu dir sagen, Klaus?
Du kommst mit Silberhaar und Lichterketten, mit
einer festlichen Weihnacht und einer ausgelassenen Silvesterparty.
Du beschenkst und mit einem jungen Jahr und seiner Stille.
Unbeschrieben, rein und mit unendlichen Möglichkeiten. Du übergibst es uns zuverlässig und Punkt Zwölf. So
feierlich, das wir es mit Raketen, Wunderkerzen und offenen Armen
empfangen.
Liebster Klaus Winter, ich kann mich gut daran erinnern, das
ich als Kind vom Rodeln nach hause kam. Schrecklich verfroren, vom kleinen Zeh
bis unter die Zipfelspitzenmütze. Zu hause legte ich mich kommentarlos und in voller
Montur einfach auf den Küchenboden, direkt vor dem warmen Ofen, um
allmählich und tröpfelnd wieder aufzutauen. Streckte abwechselnd
meine dürren Beine in die Luft, damit die Mutter an den nassen Stiefel ziehen
konnte. Dann gab es einen Becher heiße Schokolade, vielleicht noch
eine Geschichte aus dem Bilderbuch, in dem du oft die Hauptrolle
spieltest.
Denn nur du lässt es kleine Sterne auf die Erde regnen. Erfindest malerische Orte. Zauberst über Nacht aus Städten, Dörfern und
Landschaften märchenhafte Kulissen. Du verpasst den höchsten
Berggipfel dicke Puderzuckerhüte und legst wärmende Tücher zum Schutz vor Kälte und Frost über die Schultern der lodenfarbenen Tannenwälder.
Bis heute bist du mir die schönste Entschuldigung
dafür geblieben, einen ganzen langen Tag nicht aus dem Haus zu
gehen. Mich unter meiner kuscheligen Sofadecke zu verstecken um
Bücher zu lesen, Pulswärmer zu stricken oder einen Blogpost zu
schreiben.
Mit dir an meiner Seite trinke ich morgens im Bett
einen großen Becher Tee, der mir behutsam dabei hilft wach zu
werden, wenn die Sonne einfach nicht aufstehen will. Nur bei dir
darf ich den lieben langen Tag in Kerzenlicht baden und an betörenden
Düften schnuppern. In all diesen Momenten möchte ich dich liebend
umarmen und gar nicht mehr loslassen. Wie sehr ich unsere gemütliche Nachmittage lieber Klaus Winter. Du bist meine Muse, meine Inspiration!
Bist du hier, kann ich einen kompletten
Schönheitstag einlegen, meine Haarkur stundenlang unter einem Turban
auf dem Kopf einwirken lassen und nebenbei mit einer selbstgemachten
Gesichtsmaske herumlaufen. In schwarz oder grün. In gelb mit roten Punkten, dass spielt keine Rolle.
Bis mittags um Zwölf. Im Schlabberpyjama und löchrigen Wollsocken.
Bin ich draußen, darf ich knallwarme und gemütliche
Stiefel tragen. Meine nicht frisierten Haare unter meiner
Lieblingsmütze verstecken. Ich kann die Bluse mit den roten
Tomatenflecken unterm Wollmantel tragen. Ohne dass es jemandem
auffällt und er mich merkwürdig betitelt.
Als weiser, schlauer Mann hast du natürlich
längst bemerkt, dass ich dem Sommer den deutlichen Vorzug gebe. Mit ihm hat
man einfach mehr Spaß am Baggersee oder im Biergarten. Bei
Unternehmungen und Ausflügen. Das musst du verstehen. Ich bin ein Sommermeisje, und ich
werde es auf immer und ewig bleiben. Ich liebe einfache, unkomplizierte Sommertage. Wenn sie nicht zickig und beleidigt sind
wie eine alternde Diva.
Doch DICH weiß ich zu achten und zu schätzen du guter Freund. In guten Zeiten, in schlechten Zeiten.
Bist du auch der allergrößte Schnupfen- und Virenverteiler den ich kenne. Damit gehst du großzügig um und stellst keine Frage, ob ein Schnupfen gerade angebracht ist.Aber genau damit hältst du die Pharma- und Kosmetiktücherindustrie dieses Landes am Laufen. Und sicherst somit meinen Job.
Bist du auch der allergrößte Schnupfen- und Virenverteiler den ich kenne. Damit gehst du großzügig um und stellst keine Frage, ob ein Schnupfen gerade angebracht ist.Aber genau damit hältst du die Pharma- und Kosmetiktücherindustrie dieses Landes am Laufen. Und sicherst somit meinen Job.
Sei bitte nicht traurig oder beleidigt über diese Zeilen, die ich dir heute schreibe. Nimm dir
meine Worte nicht so sehr zu Herzen. Das musst du nicht, das hast du
auch gar nicht nötig.
Aber, ganz im Vertrauen und unter uns: Ich
mache mir Sorgen lieber Klaus, du wirkst so traurig. Geht es dir nicht gut da oben? Seit Wochen
und Monaten schickst du uns deine Tränen! Sie versammeln sich hier auf
der Erde zu manch dünnen Rinnsal, erst vorsichtig nur. Um dann in
ihrer gewaltigen Summe und Fülle beängstigend anzusteigen. Um mich herum sehe ich nur noch Wassermassen. In glänzenden Pfützen so groß wie Badeseen. Auf Wiesen und Waldböden, die schmatzen sobald man sie nur betritt. Den Flüssen ist es viel zu eng in ihrem Bett geworden und sie verteilen ihre Lasten in die
Gassen und Keller der Anwohner hier am Rhein und seinen Kindern, den Nebenflüssen.
Der
Himmel ist bleigrau und mit nichts zu trösten!
Ich weiss mir einfach keinen anderen Rat, als dir in aller Freundschaft diese Zeilen mit meiner persönlichen Empfehlung zu schreiben. Hör auf dein Meisje:
Ich weiss mir einfach keinen anderen Rat, als dir in aller Freundschaft diese Zeilen mit meiner persönlichen Empfehlung zu schreiben. Hör auf dein Meisje:
Gönne dir deinen wohlverdienten Schlaf, du müder, alter
Mann. Leg dich zur Ruhe um deine hängenden Schultern zu straffen, um dich zu reseten
für deinen Besuch zum Jahresende. Wir werden dich freudig erwarten und gebührend empfangen. Versprochen!
Wie sagt man so schön im Volksmund? Die Sehnsucht kommt stets
mit der Entfernung. Schlaf schön mein Freund!
Im Januar 2018. Herzlichst, dein Meisje

P.S. Sei so lieb, und schick` uns nun deinen
kleinen Bruder Frühling. Sag ihm, das wir uns riesig über seine
Ankunft freuen und schon mit offenen Armen auf ihn warten.



